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Aktuelle Nachrichten | Matschkowiak, Esther | 24.11.2023 – 30.11.2023

Gedenkstein für die im „Nazi-Hort“ gestorbenen Kinder

Auffallend viele, oft nur wenige Wochen alte Säuglinge und Kleinkinder, sind in der Zeit zwischen April 1944 und März 1945 in Pfaffenhofen in einem geheimnisumwobenen „Säuglingsheim“ der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) gestorben. Für 18 von ihnen, deren Geburts- und Sterbedaten im Standesamtsregister verzeichnet sind, erinnert jetzt ein Gedenkstein auf dem Friedhof an ihr trauriges Schicksal und das ihrer Mütter. Gemeinsam mit vielen Besuchern, musikalisch vom Posaunenchor umrahmt, wurde am Volkstrauertag mit einer Gedenkfeier in unmittelbarer Nähe der beiden Kriegerdenkmale der gestorbenen Kinder gedacht und der Gedenkstein, eine Sandsteinstele, eingeweiht. Auf einer Bronzetafel an dem Stein sind die Namen der Kinder und ihre Daten festgehalten. Sie wurden von drei Konfirmanden, Enie Scheurer, Mia Heidinger und Felix Faigle, vorgelesen und zu jedem Namen aus der Hand von Pfarrer Johannes Wendnagel eine Blume niedergelegt. Was war das für ein Heim und warum gerade in Pfaffenhofen? „Es war schlichtweg dem Umstand geschuldet, dass die Nazis hier im Ort ein passendes Gebäude gefunden haben“, vermutet Bürgermeisterin Carmen Kieninger. „Es hätte überall im Land stehen können und vermutlich gab es andern Orts auch noch solche Einrichtungen“. Es sei aber nun mal hier betrieben worden und deshalb heute unsere Aufgabe an die Geschehnisse zu erinnern. Kieninger betonte, dass die Gemeinde damals keinen Einfluss auf das „Heim“ hatte, weder personell, finanziell noch organisatorisch. Die alleinige Zuständigkeit nahm die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt für sich in Anspruch. „Die Geschichte dieser Kinder und ihrer Mütter sind ein schmerzhafter Teil unserer Geschichte, den wir nicht vergessen dürfen. Was hier den Kindern und Müttern durch die Nationalsozialisten, insbesondere durch eine russische Oberaufseherin, angetan wurde, ist ein furchtbares Beispiel der menschenverachtenden Doktrin der nationalsozialisten Gewaltherrschaft“ betonte Kieninger. Deshalb soll dieser Gedenkstein auch daran erinnern, dass „jedes Leben wertvoll ist, unabhängig von Herkunft, Religion und Alter, er soll ermutigen sich für eine Welt einzusetzen, in der solche Gräueltaten nicht mehr geschehen können“. Die Frauen die hier ihr Kind entbunden und dann im „Hort“ abgeben mussten, waren Ostarbeiterinnen aus dem ganzen Landkreis Heilbronn. Kleingartach, Cleebronn, Lauffen und Schozach waren die nächsten Orte. Aber auch aus Ober- und Untereisesheim, Massenbach, Löwenstein, Neckargartach und Jagsthausen bis Eberstadt wurden Mütter und Kinder hierher nach Pfaffenhofen gebracht, berichtete Heidrun Lichner vom Zabergäuverein aus der von Dr. Otfried Kies aufgearbeiteten Pfaffenhofener Geschichte.

 

Die hygienischen Zustände in dem Heim müssen furchtbar gewesen sein. Es gab weder fließendes Wasser noch ausreichend Tücher für die Gebärenden. Aus Nächstenliebe hätten Personen aus der Umgebung heißes Wasser und Tücher zur Verfügung gestellt, damit die Geburten unter etwas besseren hygenischen Bedingungen stattfinden konnten. Ohne ausreichende und zumeist nicht kindgerechte Ernährung und ohne ärztliche Versorgung seien die Kinder jämmerlich zugrunde gegangen, schilderte Heidrun Lichner. In Pappkartons seien die gestorbenen Kinder dann schließlich an der Westmauer im ursprünglichen alten Teil des Friedhofs beerdigt worden. Doch mit dem Tod ihrer Kinder war das Martyhrium der Mütter auch nach Kriegsende noch nicht beendet. Die Meisten wurden nach der Rückkehr in ihr Heimatland gleich noch einmal in ein Arbeitslager eingesperrt. Sie hätten mit dem Feind kollaboriert wurde ihnen vorgeworfen und seien deshalb Verräter an ihrem Heimatland. Dass es zu dieser Gedenkstätte nun kam, sei vor allem einigen sehr engagierten Pfaffenhofener Personen zu verdanken und vielen Spendern, betonte Heidrun Lichner. Namentlich nannte sie Angela Tränkle und Gertrud Schreck. Unermüdlich und ausdauernd hätten sich die beiden Frauen über Jahre hinweg eingesetzt, um ein Gedenken für diese Kinder zu schaffen. Einen Mitstreiter haben die beiden dann mit dem einstigen Pfaffenhofener, jetzt Güglinger Künstler Gunther Stilling gefunden. Er hat das Kunstwerk geschaffen und den Stein bezahlt. Sigmar Schwarzkopf dankte Lichner, dass er den Stein aufgestellt und zum Selbstkostenpreis abgegeben habe. Ein Lob auch für den Posaunenchor, sowie für Pfarrer Johannes Wendnagel und die Konfirmanden, die bereit waren, sich mit dem nicht gerade einfachen Thema auseinanderzusetzen. Nicht zuletzt bedankte sich die Vertreterin des Zabergäuvereins auch bei der Gemeinde, dem Gemeinderat und Bürgermeisterin Carmen Kieninger, dass sie den Platz auf dem Friedhof bereitstellten. wst